Pop goes Plopp

 

 Zwei Ausstellungen in Wien: “Velázquez” im Kunsthistorischen Museum und “Cosima von Bonin – Hippies use side door. Das Jahr 2014 hat ein Rad ab.” im mumok

Meine Tochter und ich hatten zwei Tage Zeit, Wien zu entdecken. Bei dem kulturellen Angebot dieser Stadt fiel es uns sehr schwer zu entscheiden, welche Ausstellungen zu besuchen. Unsere Wahl fiel auf die Velázquez Ausstellung im Kunsthistorischen Museum und die Cosima von Bonin Ausstellung im Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig (mumok).

Kunsthistorisches Museum Wien

Kunsthistorisches Museum Wien, photo: Andrea Buckland

„Velázquez“ im Kunsthistorischen Museum Wien

Eine Menge Interessierter drängelte schon frühmorgens an die Kassen des Kunsthistorischen Museums. Dann endlich öffneten sich die Tore. Welch Pracht und überwältigende Schönheit! Wie der Eintritt in eine andere Welt, in der ein wenig königlich erhabene Glorie auf jeden einzelnen Besucher hinabscheint. Viele zückten ihre Kameras und machten die ersten Selfies vor den übergroßen Skulpturen im Treppenhaus. Die Velázquez Ausstellung ist wie erwartet großartig und sehr passend für diese Räumlichkeiten. Wir werden durch eine Retrospektive geleitet, die Hauptwerke des Künstlers aus allen Schaffensperioden zeigt. Viele Leihgaben aus aller Welt, insbesondere aus Madrid, Boston und London vervollständigen die Sammlung des Kunsthistorischen Museums für diese im deutschsprachigen Raum einmalige Schau. Sehr interessant für uns sind auch die Kopien, die von Schülern gemacht wurden. Wer sich mit diesem großen Künstler auch nur am Rande beschäftigt, darf diese Ausstellung nicht missen.

Wir hatten Lust, uns in dem Gesamtkunstwerk “Kunsthistorisches Museum” zu verlieren und freuten uns an den vielen anderen Meistern dieser großartigen Sammlung: Pieter Bruegel, Parmigianino, Raphael, Rembrandt, Rubens …Erschöpft und glücklich entspannten wir bei einer Tasse Schokolade in dem wohl schönsten Museumscafé der Welt.

Velázquez  Kunsthistorisches Museum Wien. 28. Oktober 2014 – 15. Februar 2015


 

mumok Wien

Museum Moderner Kunst Wien, photo: Andrea Buckland

„Cosima von Bonin. Hippies use Side Door. Das Jahr 2014 hat ein Rad ab.“ Museum für Moderne Kunst Stiftung Ludwig Wien (mumok)

Dann der Besuch im mumok. Schon von außen wurde klar, dass uns hier etwas ganz anderes erwartet: die Architektur ist minimalistisch, karg, futuristisch, auch meditativ – irgendwie ehrlich. Von einem Balkon schaut eine einsame Skulptur mit langer spitzer Nase hochmütig auf – könnte es sein? – das Kunsthistorische Museum hinab und kotzt.

Wir fragten uns, ob sie die Höhe vielleicht nicht vertragen hat…


 

mumok Wien

Blick aus dem Museum Moderner Kunst Wien, vorne: Cosima von Bonin „Der Italiener“ – photo: Andrea Buckland

Cosima von Bonin

DER ITALIENER, 2014 Außeninstallation an der Fassade des mumok

Styropor, Glasfaser, Laminat, verzinkter Stahl, Lack

Figur: 250 x 80 cm /

Balkon: 150 x 600 cm


Die Ausstellung heißt: Cosima von Bonin. Hippies use side door. Das Jahr 2014 hat ein Rad ab.

Ob das stimmt, wäre noch festzustellen. Im ersten Raum der Ausstellung begrüßten uns drei große Stofftiere – Zwei Hunde und ein Esel – auf Sockel gesetzt wie die wachenden Löwen im Eingangsbereich des kunsthistorischen Museums. Die Tiere hießen uns freundlich willkommen, und wir traten ein in ein besonderes Spielzeugland. Im Zentrum des Raumes befindet sich eine Installation von Mike Kelley namens “Lumpenprole”: eine auf dem Boden liegende Decke verhüllt nur im Umriss zu erahnende Stofftiere. Weswegen sollte man etwas derart Unschuldiges für die Kunst unter den Teppich kehren? Wir fragten uns, wofür Stofftiere eigentlich stehen. Kindheit. Ja. Für uns Erwachsene vielleicht Regression. Auch eine kindliche Sinnlichkeit. Das Kuschlige eben. Geborgenheit. Möglicherweise Rückzug. Ein Stofftier ist natürlich auch immer ein künstlicher Ersatz für etwas Echtes: ein lebendiges Tier, oder ein Mensch, der Zuwendung spendet. Es steht für ein emotionales Bedürfnis, welches “künstlich” gestillt wird. Vielleicht sind es diese Bedürfnisse, die Kelley hier unter den Teppich kehrt, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ein wackliges Laufen wäre es auf diesem Boden, muss man gestehen. Und auch hier im Museum nicht erlaubt. Der einzige, der es wagte, das Kunstwerk zu betreten, war ein Luftballon, der sich verselbständigt und in Ruhe auf ihm Platz genommen hatte. Da lag er nun. Aber ein Spielzimmer ist eben selten ordentlich.

Unser Blick fiel auf die anderen Luftballons, die in der Ecke teils schweben teils liegen. Sie sind mit Namen von Künstlern versehen und Daten. Wie lange es die Luftballons wohl aushalten, bis Ihnen die Luft ausgeht? Plopp – und der Wert des Kunstwerkes ist nichtig.


 

Mike Kelley, "Lumpenprole", 1991 - photo: AB

Mike Kelley, „Lumpenprole“, 1991 – photo: Andrea Buckland

 

Mike Kelley

LUMPENPROLE, 1991

Installation

Acrylgarn, Stofftiere, Acryl auf Papier

MUMOK, LEIHGABE DER ÖSTERREICHISCHEN LUDWIG-STIFTUNG

610 x 915 cm


 

Die Skulpturen von Jeff Koons sind da schon anders. Sie spielen nur mit der Assoziation des Vergänglichen. Denen wird die Luft wohl nicht so schnell ausgehen. Im Gegensatz dazu sind die Objekte von Cosima van Bonin alle verwundbar. Diese Aussage bezieht sich nicht nur auf die Wahl der Materialien sondern auch auf die emotionale Komponente ihrer Werke. Es ‘menschelt’ zwischen den Stofftieren. Einige liegen wie verwundet in der Ecke. Andere zeigen Erbrochenes auf ihrer Brust. Eine Schrift an der Wand besagt “Please don’t leave me.” Ein Plüschhai drückt die Schulbank. Es hat Komik. Das stimmt. Warum nur bleibt ein bitterer Geschmack im Mund? Warum nur bleibt das Gefühl, etwas Innerstes und sehr Verletzliches zu erleben, welches nichts mit Kunstkonsum zu tun hat?

Cosima von Bonin, Hippies use side door, mumok, Wien - photo: mumok / Laurent Ziegler

Ausstellungsansicht: Cosima von Bonin, Hippies use side door, mumok, Wien – photo: mumok / Laurent Ziegler

HERMIT CRAB IN FAKE ROYÉRE, 2010 Stahl, Baumwolle, Mohair-Velours, Filz, Holz, Lack COLLECTION MAGASIN 3, STOCKHOLM KONSTHALL und THE BONIN / OSWALD EMPIRE’S NOTHING #01 (CVB’S VOMITING CHICK & MVO’S VOMIT!), 2010 Mohair-Velours, Polyfill, Arne Jacobsen Schulbank und Stuhl COLLECTION DE BRUIN-HEIJN


Wir schauten uns auch Teile der Dauerausstellung des Museums an. In einem der Räume fanden wir eines meiner geliebtesten Bilder: “Die Stimme des Blutes” von René Magritte. Drei Notenständer waren genau davor platziert. Für mich ein Verbrechen. Auf meine Frage hin, ob diese Notenständer denn nun auch Kunst seien oder ob wir ein Konzert erwarteten, versicherte man mir – dem Himmel sei Dank – dass letzteres der Fall sei, ABER die leere Pappschachtel (für die Mülltrenner unter uns Verbundkarton) an der Fußbodenleiste direkt unter dem Bild sei durchaus Teil eines Kunstwerkes. Ich fühlte mich gehörig auf den Arm genommen und suchte nach dem dazugehörigen Schild mit den Daten zum Objekt. Und tatsächlich…

Wer sich zum Kniefall vor dem Meister hinreißen lässt, wird sich wohl oder übel auch mit dem Müll vor seiner Nase auseinandersetzen müssen.

Natürlich war Magritte selber auch ein Meister der Verwirrung. Er hatte Spass daran, den Betrachter mit seinen Bildern und Titeln zu irritieren und ihn so dazu zu zwingen, gewohnte Sehmuster zu hinterfragen. Dabei war er nichtsdestotrotz der Ästhetik seiner Zeit verhaftet. Was ist die Ästhetik unserer Zeit? Das Jahr 2014 hat – ja – ein Rad ab. Das ist mir schon klar geworden. Aber seit wann war es locker?

Vielleicht muss es nicht schmerzen, Cosima van Bonin in ihrer Aussage recht zu geben. In der Ausstellung stehen noch einige unversehrte und durchaus fahrbare Roller herum. Lasst uns spielen gehen. Die Herausforderungen unserer Zeit annehmen und Cupcakes essen.

„Cosima von Bonin. Hippies use side door. Das Jahr 2014 hat ein Rad ab.“  mumok, Wien  

04. Oktober 2014 – 18. Januar 2015


 Beitragsphoto: Ausstellungsansicht Cosima von Bonin. Hippies use side door, mumok Wien, photo: Andrea Buckland

 

 

De Pont Museum Tilburg

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